„Wo wilder Wein bald wieder wuchert“

südwestlicher Laubengang

Schon Hofgärtner Friedrich Ludwig von Sckell lobte den schattenspendenden  Laubengang, der das „anmuthige“, „schwärmerische“ Spazieren am Rand des Zirkelparterres selbst bei sommerlichen Temperaturen zu einem angenehmen Zeitvertreib werden lässt. In letzter Zeit ließen sich in den Wandelgängen jedoch immer größere Löcher im Gitterwerk und sogar bedrohlich über den Köpfen schwebende, halblosgelöste Holzlatten entdecken.

Fehlstellen in den Treillagen

Nach intensiver Untersuchung und Schadenskartierung der Architekten der zuständigen Vermögens-und-Bau-Verwaltung in Schwetzingen zeigte sich, dass nicht nur das Holzgitter an vielen Stellen über die Jahrzehnte schadhaft geworden sondern auch die tragende Eisenkonstruktion stark angerostet war. Zudem hatte der Zahn der Zeit an zahlreichen Sandsteinfundamenten derart genagt, dass eine einwandfreie Standsicherheit der 1760 errichteten und original erhaltenen Wandelgänge nicht mehr gewährleistet war.

sanierungsbedürftige Treillagen

Die bogenförmigen Laubengänge im Schwetzinger Schlossgarten werden auch als Berceaux de treillage (tonnenförmige Treillagen) bezeichnet und bilden beidseitig des Hirschbassins den nord- sowie südwestlichen Abschluss des Kreisparterres. Eck- und Mittelpavillons betonen Anfang, Ende und Mitte der Laubengänge. Die rund 215 m langen Eisenspaliere ruhen dabei auf 884 im Erdreich eingebetteten Sandsteinfundamenten und bilden den Rahmen für das mit Kupferdrahtverbindungen befestigte Holzgittergeflecht.

Eckpavillon des südwestlichen Laubengangs

Mittlerweile haben die Arbeiten am nördlichen Ende des nordwestlichen Laubengangs begonnen. Die ausgewucherte Rankbepflanzung, die zerstörten Natursteinfundamente und das ausgebrochene Holzgittergeflecht wurden hier bereits entfernt. Die gesamte Stahlkonstruktion muss nun entrostet und dann lackiert werden. Das Holzgittergeflecht lassen die Architekten komplett nach historischem Vorbild wiederherstellen. Dabei werden die Holzleisten aus Eiche gefertigt, mit Kupferdrähten am Rahmen befestigt, die Kreuzungspunkte werden geblattet und genagelt. Auch die Eingänge und Pavillons erhalten wieder ihre Zierelemente. 

abgeräumte Treillagen

Doch bei aller Anlehnung an die historischen Arbeitstechniken muss die Bauleitung auch die Kosten im Auge behalten. Nicht alle zerstörten Konstruktionsteile und Verbindungselemente können daher  erneuert bzw. ersetzt werden, das wäre zu aufwändig. Die nach historischem Vorbild vorhandenen Befestigungslaschen zur Aufnahme des Gittergeflechts werden nur in Einzelbereichen wie z.B. in den Mittelpavillons wiederhergestellt. Bei allen anderen Bereichen wird das Holzgittergeflecht an der Rahmenkonstruktion befestigt. Ist die Standfestigkeit der Stahlkonstruktion dann durch neue Einzelfundamente wieder gesichert, steht noch die Prüfung aller Nieten an, die dann je nach Bedarf ergänzt oder erneuert werden.

Der letzte Schritt in diesem Bauabschnitt obliegt schließlich im kommenden Jahr den Schlossgärtnern: Sie werden an den aufwändig sanierten Treillagen erneut wilden Wein pflanzen, der innerhalb von drei bis vier Jahren die Stahl-Holz-Konstruktion wieder in einen schattigen Laubengang verwandelt.

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Technische Beratung, Gestaltung, Konzept und Umsetzung: Ralf Gatzki und Friederike Rook